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Polyvagal-Theorie

Aktualisiert: 25. Apr. 2022

Fühlst du dich sicher und mit deiner Umwelt verbunden? Nein? Dann lese weiter.

Eine Perspektive auf das autonome Nervensystem, die neue Heilungsstrategien eröffnet.

 


das autonome Nervensystem


Deine psychische Gesundheit kann gefördert werden, wenn sich dein autonomes Nervensystem (ANS) in Sicherheit befindet. Das ANS hält das innere Gleichgewicht (Homöostase) deines Körpers aufrecht. Es steuert alle unwillkürlich ablaufenden Funktionen wie Herzschlag, Verdauung, Atmung, Blutdruck und Blasentätigkeit. In der klassischen Theorie besteht das ANS aus zwei grossen Nervenästen, dem aktivierenden Sympathikus und dem beruhigenden Parasympathikus. Der wichtigste Nerv des Parasympathikus ist der Vagus, der unter anderem für die Abgleichung von Herzschlag und Atemrhythmus verantwortlich ist. Der Herzschlag hat in Abhängigkeit vom Atem eine natürliche Pulsation. Bei der Einatmung beschleunigt er sich etwas, beim Ausatmen wird er etwas langsamer. Diese pulsatorische Beziehung von Herzschlag und Atemfrequenz drückt sich in der Herzratenvariabilität (rhythmische Schwankungen der Herzrate) aus und ist ein Zeichen für Gesundheit. Verschiedene psychiatrische Krankheitsbilder zeigen eine veränderte Herzratenvariabilität (HRV), beispielsweise ist sie bei einem depressiven Menschen oft vermindert. Eine hohe Aktivität des Vagus kann auf der einen Seite ein Zeichen für Gesundheit sein und auf der anderen Seite eine lebensbedrohliche Bradykardie (langsamer Herzschlag) hervorrufen. Dieser Widerspruch wird als Vagusparadox bezeichnet und konnte lange nicht erklärt werden. Auch gab ein anderes körperliches Reaktionsmuster Rätsel auf. So konnte nicht verstanden werden, wie es bei ausweglosen Gewalterfahrungen oder Unfällen trotz höchster Anspannung und innerer Erregung zu einer Erstarrungsreaktion kommt.



Eine neue Perspektive


Eine Erklärung für die beschriebenen Phänomene eröffnet uns die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges. Gemäss dieser Theorie besteht das autonome Nervensystem nicht nur aus zwei Teilen, dem Sympathikus und dem Parasympathikus. Der Parasympathikus weist zusätzlich zwei entwicklungsgeschichtlich unterschiedliche Teile auf, die jeweils aus eigenen Nervenkerngebieten im Gehirn entspringen: der ältere dorsale (zum Rücken) und der jüngere ventrale (zum Bauch) Vagus, welcher nur bei Säugetieren vorkommt.

Der Sympathikus versetzt dich in einer als unsicher bewerteten Situationen in Kampfbereitschaft oder in den Fluchtmodus. Der ventrale Vagus ist aktiviert, wenn du kommunizierst und sozialen Kontakt pflegst. Eine weitere wichtige Funktion des ventralen Vagus ist das Bremsen des Herzrythmus. Die Vagusbremse reduziert den Puls gegenüber dem ungebremsten Grundrythmus. Die Wirkung des dorsalen Vagus hingegen hängt von der Situation ab. Bei einer massvollen Aktivierung werden Körpervorgänge hervorgerufen, die einer Regeneration oder einer Krankheitsabwehr dienen. Dies geschieht, wenn du dich sicher wähnst. Erlebst du jedoch die Gesamtlage als Überforderung, kann der dorsale Vagus so stark aktiviert werden, dass du gelähmt wirst oder sogar das Bewusstsein verlierst. Angegriffene Tiere beispielsweise versetzen sich in eine Todesstarre und wenn die Gefahr vorbei ist, zittern sie so lange, bis sie wieder normal funktionieren können. Dieses unwillkürliche Zittern kann übrigens auch durch die bioenergetischen Übungen nach Alexander Lowen hervorgerufen werden. Das Zittern zeigt, dass der Muskel der Anspannung zu entrinnen sucht, um wieder in den Zustand der Entspannung zu gelangen.


"System sozialen Engagement"


Evolutionsbedingt gewann unter den Säugetieren die soziale Kommunikation an Bedeutung und es entwickelte sich hierfür gemäss der Polyvagal-Theorie im Gehirn ein Verbund von Nerven: das «System Sozialen Engagement» (SSE). Das SSE umfasst alle Nerven, die für verbale und stimmliche Kommunikation wichtigen Muskeln ansteuern.

Unser Gehirn kennt drei Qualitäten der emotionalen Wechselwirkung mit der Welt:

1. Sicherheit und Wohlbehagen (ventraler Vagus und das SSE ist aktiv)

2. Gravierendes Problem, Angst und Gefahr (Schwächung des ventralen Vagus und SSE, Aktivierung des Sympathikus)

3. Todesangst, Ohnmacht und Ausweglosigkeit (Aktivierung des dorsalen Vagus).

Der autonome Zustand des Nervensystems eines Menschen spielt eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von Beeinträchtigungen der psychischen und physischen Gesundheit und auch bei den Heilungschancen.

Aufbauend auf die Polyvagal-Theorie wurden neue Strategien in Modelle für die Behandlung von psychischen und physischen Problemen einbezogen. Strategien, die das Nervensystem eines Menschen nutzen, um das natürliche Streben des Körpers nach Sicherheit und sozialer Verbundenheit zu fördern. Ich werde in späteren Beiträgen näher auf diese neuen Strategien eingehen. Wichtig ist zu wissen, dass wenn sich unser Körper in Sicherheit und Ruhe befindet und offen für soziale Kontakte ist, dann ist die Behandlung psychischer Probleme effizient möglich. Befindet sich unser Körper hingegen in einem Zustand der Verletzlichkeit und Abwehr, wird dadurch die Behandlung beeinträchtigt.

Die Polyvagal-Theorie bietet viele neue Impulse für das Verständnis von Körper und Geist und bestätigt die evidente Wirkung von körperorientierten Psychotherapien.

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