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Körper

Psychotherapie sollte mit dem Bewusstsein betrieben werden, dass die Psyche mit dem Körper verwoben ist. Schenke daher deinem Körper und deiner Seele die gebührende Beachtung.

 

Die Rolle des Körpers in den psychotherapeutischen Strömungen


Seit Jahren ist zu beobachten, dass die kognitiv orientierten Ansätze in der Psychotherapie auch andere Aspekte als der bloße Verstand einbeziehen. So entstand die Dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha M. Linehan, die Schematherapie nach Jeffrey Young, die Acceptance and Commitment Therapie (ACT) nach Steven C. Hayes und die Achtsamkeit basierte kognitive Therapie (MBCT) nach Zindel Segal und Kollegen. In diesen neueren Verhaltenstherapien werden Haltungen und Auffassungen übernommen, die im Bereich der humanistischen orientierten Psychotherapien bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt worden sind. Fast alle diese erweiterten Ansätze der kognitiven Verhaltenstherapie betonen die Bedeutung des Körpers implizit oder explizit.

Auch in den analytisch orientierten Therapieschulen wird über die Rolle des Körpers debattiert. C.G. Jung gründete seine analytische Psychologie beispielsweise auf der Annahme, dass Materie und Psyche zwei verschiedene Aspekte einer und derselben Sache sind. In «Seelenprobleme des modernen Menschen» arbeitet er das Konzept vom beseelten Körper und der verkörperten Seele heraus und macht auf die langjährige Vernachlässigung der körperlichen Aspekte aufmerksam. Zu erwähnen ist auch Tilman Moser, der in seinem Buch «das erste Jahr» seinen Übergang von der klassischen Abstinenz (Verbot von Körperkontakt in der Psychoanalyse) zu den körperpsychotherapeutischen Interaktionen beschreibt.


Wilhelm Reich und Die Charakteranalyse


Die Forderung, dem Körper seinen Platz in der Therapie einzuräumen, wurde vom Begründer der körperorientierten Psychotherapie Wilhelm Reich in die Tat umgesetzt. Er führte mit dem Begriff der Charakteranalyse (heute ist dafür der Begriff Persönlichkeitsanalyse üblich) eine ganzheitliche Auffassung in der Psychoanalyse ein, nach der er den Charakter als Gesamtinformation sah und es keine psychische Erkrankung gab, ohne dass eine Erkrankung des Gesamtcharakters vorhanden war. Ebenso erwähnte er die Abwehr als eine Sicherungsfunktion des Charakters. Unter Abwehr wird die Art und Weise verstanden, wie die Klienten gegen Affekterregungen beispielsweise einen Wutausbruch anzukämpfen pflegen. Reich fasste diese Art von Abwehr unter dem Begriff Charakterpanzerung zusammen. Dieser "Panzer" diente gemäss Reich dazu, das Individuum vor schmerzlichen oder bedrohlichen Erfahrungen zu schützen. Wenn der Körper angespannt wird, können dadurch Bewegung, Atmung und Gefühle begrenzt werden. Diese Anspannung kann zu einem Dauerzustand werden. Es überrascht immer wieder, wie die Lösung einer muskulären Verkrampfung nicht nur vegetative Energie entbindet, sondern darüber hinaus diejenige Situation in der Erinnerung reproduziert, in der sich die Affektunterdrückung durchgesetzt hatte. Reich ging es in der Therapie um die Wiederbelebung erstarrter Lebendigkeit, das heisst der Unterdrückung von Lebendigkeit in den Diensten der Abwehr bzw. des Widerstandes. Er stellte als erster systematisch fest, dass sich die Widerstände im unbewussten Anhalten des Atems manifestieren und die Ausformung gefühlsmässiger oder motorischer Erlebniseinheiten blockieren. Gemäss Reich gab es sieben segmentelle quer zur Wirbelsäule verlaufende muskuläre Verspannungsmuster: 1. Stirn, Augen, Jochbeingegend, 2. Lippen, Kinn, Rachenbereich und oberer Nacken, 3. Hals und Schulterbereich, 4. Brust, 5. Zwerchfell, 6. Bauch, 7. Becken. Anhand von diesen Körpersegmenten verdeutlichte Reich, wo am ganzen Körper psychophysische Erregungsprozesse beeinträchtigt werden können, die die Atmung als eine Tätigkeit des gesamten Körpers behindern. Auf Basis dieser Erkenntnis entwickelte Reich die für die Köperpsychotherapie typischen Interventionen. Basierend auf den Erkenntnissen von Reich und seinen eigenen Beobachtungen entwickelte sein Schüler Alexander Lowen Konzepte und Verfahren, um den Körper in die psychotherapeutischen Behandlung einzubeziehen. Lowen gründete das Institut für bioenergetische Analyse und begann Therapeut:innen aus aller Welt mit seinen Ideen vertraut zu machen.


Embodiment


Die "Embodiment"-Forschung in der Psychologie und in den Kognitionswissenschaften sammelt nun immer mehr Erkenntnisse darüber, dass grundlegende Funktionen des Fühlens, Denkens und des Ich-Bewusstseins ohne körperliche Interaktion mit der Welt und ohne unbewusste Wahrnehmungen aus dem Körper selbst nicht möglich sind. Gemäss Professor W. Tschacher von der Universität Bern besagt die Perspektive des «Embodiments», dass psychische nicht von körperlichen Prozessen getrennt betrachtet werden können. Der Fokus liegt auf die Wechselwirkungen zwischen Geist und Körper sowie beider mit der Umwelt. Dieses neue Verständnis wird auch als 4E Cogniton bezeichnet (Kognition ist verkörpert (Embodied), basiert auf der dynamischen Wechselwirkung eines Lebewesens mit seiner Umwelt (Enactive), ist abhängig von Kontext und aktueller Situation (Embeded) und ist erweitert, indem wir Werkzeuge wie beispielsweise Schreibstifte oder Computer zur Erweiterung unseres Geistes benutzen (Extended)).

Der Embodiment Ansatz impliziert wie die körperorientierte Psychotherapie auch, dass psychische Störungen immer eine körperliche Komponente besitzen.






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