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Angst

Aktualisiert: 15. Juli 2022

"Helfen Sie mir. Ich kann nicht schlafen, mein Herz rast, ich bin unruhig, ich kann nicht arbeiten, ich wiederhole mich ständig und kann damit nicht aufhören, meine Familie hält mich nicht mehr aus und ich habe Angst, ohne Schuhe den Boden mit den Füssen zu berühren." Protokoll aus einer Therapiesitzung 2021.

 

Krankhafte ANGSt


Angst ist eine normale emotionale Reaktion auf bedrohliche Situationen. Menschen mit deutlich übersteigerten Angstreaktionen leiden jedoch sehr und sind in ihrem Alltag eingeschränkt und auf Hilfe angewiesen. Angsterkrankungen werden im Diagnoseklassifikationssystem als Panikstörungen, generalisierte Angststörung, posttraumatische Belastungsstörung oder Phobien diagnostiziert und sind die häufigsten psychischen Erkrankungen. Als häufigste Ursachen für eine krankhafte Angst werden Stress, familiäre Veranlagung und frühkindliche Erfahrungen genannt. Die Symptome sind sowohl emotionaler als auch körperlicher Natur, wie Schweissausbrüche, Atembeschwerden und Herzklopfen. Personen mit einer hohen Angstsensitivität, gehemmtem Verhalten, pessimistischen Grundannahmen haben ein höheres Risiko für Angsterkrankungen. Patienten mit Angsterkrankungen werden mit Psychotherapie und/oder Psychopharmaka behandelt. Einige Therapeut:innen finden den zusätzlichen Einsatz von körperlicher Aktivität und Bewegung sinnvoll. In diesem Blogbeitrag gehe ich auf verschiedene Ansichten über die Entstehung der pathologische Angst ein.


die Entstehung von pathologischer Angst


Fritz Riemann

Der Psychoanalytiker Fritz Riemann sieht den Ursprung aller Ängste darin, dass die vier grossen Ängste unseres Daseins nicht überwunden würden. Er beschreibt in seinem Klassiker "Grundformen der Angst" vier verschiedene Formen der Angst, mit denen wir in unserem Leben konfrontiert werden: 1. Die "Angst vor der Hingabe" sei, wenn du dich ungeschützt und verletzlich fühlst, wenn du dich vertrauensvoll einem anderen gegenüber öffnest. 2. Die "Angst von der Ich-Werdung" bezieht sich auf das Gefühl der Einsamkeit, wenn ich zu mir stehe. 3. Die "Angst vor der Wandlung" führe dazu, dass du an etwas festhältst und beibehalten willst. 4. Schliesslich gibt es noch die "Angst vor der Notwendigkeit", da fürchtest du dich vor der Härte und Strenge des Endgültigen und dem Verlust deiner Freiheit. Das seien die vier grossen Ängste, die es gilt während unserer Entwicklung zu meistern. Diesen grundlegenden Ängsten auszuweichen, bedeute viele neurotische Ängste zu entwickeln, die nur aufgelöst würden, wenn wir die dahinterliegende, nicht verarbeitete, Angst erkennen und wir uns damit auseinandersetzen würden.


Sigmund Freud und Wilhelm Reich

Der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud entwickelte im Laufe der Zeit verschiedene Theorien über die Angst. Er erarbeitete die Theorien anhand der drei psychischen Instanzen, die unsere mentalen Prozesse bestimmen: das Es, das Über-Ich und das Ich. Gemäss Freud folgt das Es deinem Lustprinzip. Das Über-Ich teilt dir mit, wie du dich zu benehmen hast und das Ich versucht den Konflikt zwischen dem Es und dem Über-Ich zu beheben.

Ursprünglich dachte Freud, dass die Angst entstehe, weil das Es an der Befriedigung sexueller Triebe durch äussere Gegebenheiten behindert werde. Später führte er das Konzept der "neurotischen Angst"ein. Das Ich sei im Falle der neurotischen Angst nicht in der Lage, die gegensätzlichen Ansprüche des Es und Über-ichs zu harmonisieren. Zuletzt kommt Freud zum Konzept der Signalangst. Die Angst stellt Freud in diesem Falle als eine Warnung vor einer gedanklich vorweggenommenen Gefahr dar. Angesichts dieser Angst, die in unserer Psyche entstanden sei, würden wir eine ganze Reihe von Abwehrprozessen wie Nervosität, Fluchtbedürfnis, Gefühl des Kontrollverlusts usw. entfalten. Freud stellte etwas Interessantes fest, dass die Anhäufung von den eben genannten Prozessen, Schwierigkeiten beim Atmen hervorrufe, die zu Angstzuständen führe. Weder Freud noch die Psychoanalyse folgten dieser Erkenntnis, die den Weg für das biologische Verständnis von psychischen Störungen geebnet hätte. Wilhelm Reich vertiefte diesen Zusammenhang zwischen körperlichen Spannungen und Atemschwierigkeiten, der zur Grundlage seines therapeutischen Ansatzes wurde und später zur Entstehung der Bioenergetik führte.


Alexander Lowen

Alexander Lowen, der als Begründer der Bioenergetik gilt, meint, dass neurotische Angst aus einem inneren Konflikt, zwischen einem natürlichen Gefühlsausbruch und dessen unbewusste Blockierung, entstehe. Blockaden sind chronische Muskelverspannungen, die vor allem in der quergestreiften oder willkürlichen Muskulatur auftreten, die normalerweise der Ich-Kontrolle unterliegt. Wenn die Spannung in einer Muskelgruppe chronisch wird, versagt die bewusste Kontrolle des Ichs. Psychische und somatische Abwehrmechanismen (chronische Muskelverspannungen) haben die Funktion, die Person vor unterdrückten Gefühlen zu schützen, die sie nicht auszudrücken wagt. Eine Ursache sei, dass manche Kinder getadelt oder zurückgewiesen oder gar geschlagen würden, wenn sie Ihre Gefühle zeigen würden. Diese Kinder würden lernen ihre Gefühle zu unterdrücken, dies geschehe durch Muskelkontraktionen, damit der Körper nichts mehr fühle. Diese Muskelverspannungen in Hals, Nacken, Brust, Zwerchfell und Taille können die Atmung erheblich behindern und, wenn sie chronisch werden, zu Angstzuständen führen.

Lowen meint, es bestehe ein enger Zusammenhang zwischen Atembeschwerden und Angstzuständen: Jede Blockade des Atmungsprozesses führe zu Angstzuständen. Ein Weg um der Angst zu begegnen, sei zu lernen, wieder zu fühlen. Leider sei unsere kopflastige Kultur keine Körperkultur, denn das Denken werde überbetont.


Die Natur der Angst gemäss der Bioenergetik


Lowen analysiert das Wesen der Angst anhand des Prinzips von Ladung und Entladung der beteiligten Organe. Die Hauptorgane des Kopfes sind das Gehirn, die Sinnesrezeptoren, die Nase und der Mund. Mit Ausnahme des Gehirns sind die Hauptfunktionen dieses Teils des Körpers empfangend. Sauerstoff, Nahrung und Sinnesreize gelangen durch den Kopf. Der Unterleib und das Becken hingegen dienen der Entleerung und der sexuellen Entladung. Die Beine werden in der Bioenergetik auch als Entladungsorgane betrachtet, da sie den Organismus bewegen und stützen.Die Erhaltung des Lebens hängt nicht nur von einer ständigen Zufuhr von Energie wie Nahrung, Sauerstoff und Stimulation ab, sondern auch von der Abgabe einer entsprechenden Menge davon. Wenn die Entladung unzureichend ist, führt dies nach Lowen zunächst zur Entstehung von Angstzuständen. Bei therapeutischen Techniken, die auf die Mobilisierung von Energie abzielen, kann es vorkommen, dass durch die Vertiefung der Atmung die Energie oder die Erregung des Organismus zunimmt und die Person aufgrund einer Hemmung des Selbstausdrucks nicht in der Lage ist, diese in einer emotionalen Manifestation wie Weinen oder Wut zu entladen. Die Person wird nervös und fühlt sich unwohl. Angesichts der Unfähigkeit, sich zu entladen, muss der Betroffene die Atmung einschränken. Die Erhöhung der Energie birgt die Gefahr, Ängste auszulösen, die der durchschnittliche Mensch ohne therapeutische Unterstützung nicht ertragen kann. Die therapeutische Unterstützung in der Bioenergetik besteht darin, dass sie hilft, Ängste zu verstehen und Ladung durch Ausleben von Gefühlen abzubauen. Blockaden in Hals und Kiefer hindern uns daran, zu weinen oder zu schreien; sie hindern uns aber auch daran, zu singen oder vor Freude zu schreien. Blockaden in den Schultern oder Armen hemmen nicht nur unseren Wunsch, anzugreifen und zuzuschlagen, sondern auch unseren Wunsch, zu umarmen. Blockaden in der Taille hindern uns daran, zu weinen und zu schreien, ebenso wie sie uns am Atmen und Seufzen hindern.

Durch die Arbeit am Körper kann der Patient Spannungen abbauen. Wenn er gut geerdet ist und einen Körper voller Energie hat, wird er, nach Lowen, in der Lage sein, in der Realität der Erwachsenen zu leben und sich von der Illusion zu verabschieden, das zurückgewinnen zu wollen, was er als Kind verloren hat. Ziel der Therapie ist es, den Patienten dazu zu bringen, seinen Körper als lebendig zu empfinden, der in der Lage ist, die Freuden, Schmerzen und Leiden des Lebens voll zu erleben. Die Analyse von verdrängten Konflikten, das Lösen von verdrängten Emotionen und das Lösen von Verspannungen chronischer Muskelblockaden zielen darauf ab, die Fähigkeit, Freude zu empfinden und zu steigern.


Wirksamkeit der verschiedenen Therapien


Was die Wirksamkeit der einzelnen Psychotherapieformen betrifft, so gibt es für die kognitive Verhaltenstherapie am meisten Studien. Die Psychoanalyse schneidet bei den Leitlinienempfehlungen weniger gut ab, da die Datenlage unvollständig sei und die Körperpsychotherapie wird nicht erwähnt, vermutlich weil wenige evidenzbasierten Studien existieren. Eine mangelnde oder fehlende Datenlage ist jedoch kein Beleg dafür, dass psychoanalytische oder körperbasierte Psychotherapien unwirksam sind.


Ich bin der Meinung, dass die körperbasierten Psychotherapien einen wesentlichen Beitrag leisten können, Angsterkrankungen zu behandeln. Beim eingangs erwähnten Fall eines Patienten konnte durch Erdungs- und Atemübungen aus der Bioenergetik seine Angst reduziert werden. Es stellte sich heraus, dass die Mutter kürzlich verstorben war und er darüber nicht genügend trauern konnte. Während der Übung rang der Patient nach Luft. Die Anleitung zum vertieften Atmen beruhigte ihn und es kamen Tränen. Das Weinen löste bei ihm einen Teil seiner Anspannung und schaffte Vertrauen in der therapeutischen Beziehung, so dass er Schritt für Schritt seiner Angst begegnen konnte.








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